
Die Winterdepression
Im Winter zog sie ein.
Ohne Gepäck, ohne Koffer,
nur mit einer Wolldecke wegen der Kälte.
Mit einem Gesicht wie ein Kühlschrank,
in dem seit Wochen das Licht kaputt ist.
„Ich bleib nur kurz“, meinte sie
grinsend.
Und hat gelogen.
Sie belegt die Couch,
schläft in meinem Bett,
frisst meine Kekse,
liebt die Dunkelheit,
lässt Rollladen herunter,
auch tagsüber.
„Besser so,“ meint sie.
Wenn Freunde anrufen
geht sie ran
und legt sofort wieder auf:
„Die wollen eh nichts von dir.“
Im Bad in der Luft
hängt ihr Duft,
eine Mischung aus
nasser Wollmütze und
feuchten Füssen.
Ich habe versucht,
sie rauszuwerfen.
Sie grinste mich an
und fragte:
„Willst du wirklich völlig allein sein?“
Jetzt sitzen wir
zusammen
auf der Couch.
Sie sagt nichts.
Ich schweige.
Und draußen
hat es
angefangen zu schneien.
© Harald Schneider
Bild: Montage aus Pixabay-Bildern
Facebookseite: https://www.facebook.com/profile.php?id=61572439275954
Website: www.schneideressen.de
Sein Gedichtband „Worte wie rostige Nägel“ ist hier erhältlich oder überall im Buchhandel: https://t1p.de/z3xxk

"Patientenlied"
Ich wollte nie die Nässe spürn
Ich wollte nie die Nässe spürn,
hab immer mich aufs Klo gesetzt,
von außen wahrte ich den Schein,
und doch war ich so oft durchnässt.
Irgendwo tief in mir,
bin ich kontinent geblieben,
erst dann, wenn ich's nicht mehr halten kann,
weiß ich, es ist für mich zu spät, zu spät, zu spät ...
Unten unterm Hosenbund,
wo alles Leben ewig schweigt,
kann ich noch meine Träume sehn,
wie Luft, die aus der Hose steigt.
Irgendwo tief in mir,
bin ich kontinent geblieben,
erst dann, wenn ich's nicht mehr halten kann,
weiß ich, es ist für mich zu spät, zu spät, zu spät ...
Ich schleiche durch die Dunkelheit,
die volle Blase stört mich nicht,
dann spiel ich mit dem Wasserstrahl,
der silbern sich im Mondlicht bricht.
Irgendwo tief in mir,
bin ich kontinent geblieben,
erst dann, wenn ich's nicht mehr halten kann,
weiß ich, es ist für mich zu spät, zu spät, zu spät ...
© Andreas Stephan
Bild: Pixabay
Facebookprofil: https://www.facebook.com/andreas.stephan.92

Simsen
Im feinsten Lokal, bei Weißwein und Fisch,
sitzt ein Ehepaar schweigend gemeinsam am Tisch.
Man spricht kein Wort, man simst halt nur,
schaut nicht mal auf, auch nicht zur Uhr.
Da simst die Frau ihrem Ehemann,
dass sie kaum noch richtig atmen kann.
„Eine Gräte steckt in meinem Rachen.
Was soll ich tun? Was soll ich machen?“
Er simst zurück an seine Käthe:
„Schick mir ein Bild von dieser Gräte!“
Doch leider klappt das jetzt nicht mehr,
denn plötzlich ist der Akku leer.
So stirbt die Frau am Tisch beim Simsen,
an eine Gräte à la Kabeljau auf Großheider Linsen.
Ihr Mann, der ihren Tod nicht fassen kann,
sucht sie nun bei Facebook und auf Instagram.
Denn dort und auch in anderen Foren,
geht der Mensch ja nicht verloren.
Ich bin zu blöd, ich kann nicht simsen,
ich kann nur eins, einfach nur grinsen.
© Dieter Kauertz
Bild: Montage aus Pexels- und Pixabay-Bildern
Facebookprofil: https://www.facebook.com/profile.php?id=100017123198327

DER GLÜCKSKEKS
Jetzt sitze ich hier
am Rande der Nacht,
allein
mit einer kalten Tasse Kaffee
und diesem verdammten
Glückskeks.
Ich schaue ihn an,
er sieht harmlos aus,
aber ich traue mich nicht
weil, leider muss ich sagen,
glaube ich an sowas.
Ich glaube an Freitag den 13.,
an schwarze Katzen,
die meinen Weg kreuzen,
gehe nie unter Leitern hindurch
und habe immer Knoblauch
im Haus
gegen Vampire.
Ich starre ihn an, den Keks
und schließlich
knacke ich ihn auf.
Drinnen ein Streifen Papier,
billig bedruckt,
die Tinte verschmiert.
Draußen bellt ein Hund.
Ich lese
und lege den Zettel auf den Tisch
„RECHT BALD WIRST DU BEKOMMEN,
WAS DU VERDIENST.“
Scheiße.
© Harald A. Schneider
Bild: Pixabay
Facebookseite: https://www.facebook.com/profile.php?id=61572439275954
Website: www.schneideressen.de
Sein Gedichtband „Worte wie rostige Nägel“ ist hier erhältlich oder überall im Buchhandel: https://t1p.de/z3xxk
